BzR

Kirche fordert Recht auf Diskriminierung?

Es ist ein paar Wochen her, da traf sich ein Haufen konservativer Katholiken in Fulda, anlässlich eines Kongresses namens Freude am Glauben.

Bei diesem Kongress kam es zunächst zu einem kleinen Eklat, da Alois Rhiel, seineszeichens hessischer Wirtschaftsminister und CDU-Mitglied, von seiner Schirmherrschaft zurückgetreten ist. Aus Protest gegen Eva Hermans Teilnahme.

Nun spricht es tatsächlich für sich, dieser Frau überhaubt eine Plattform einzuräumen, insbesondere sie als Erlösung und Jeanne d’Arc konservativer Familienpolitik zu feiern. Eine dreifach geschiedene berufstätige Mutter hätte womöglich gewisse Probleme, noch irgendeine Form von katholisch kirchlichem Segen zu bekommen, geschweige denn einen einfachen Job bei der Caritas, aber wir wollen jetzt nicht wieder die Sau mit dem Doppelmoral-Transparent durchs Dorf treiben...

Leider hat das Eva-Braun-Prinzip mal wieder ziemliche Wellen geschlagen, und darum war für eine andere Meldung leider nur Platz außerhalb der Schlagzeile.

Und das ist schade, denn was für Schlagzeilen wären das bitte geworden?

Kirche fordert ihr Recht auf Diskriminierung!

Diskriminieren ist christliches Menschrecht!

Wunderbar, großartig.

Denn der Kongress kritisiert das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das letztes Jahr in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz ist die Deutsche Umsetzung mehrerer EU-Richtlinien gegen Diskriminierung, und regelt im Wesentlichen den Umgang mit Diskriminierung im Berufsleben, wie im Privaten.

Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass niemand aufgrund von Rasse, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität diskriminiert, d.h. ungerechtfertigt benachteiligt, werden darf.

Ein Diskriminierungsverbot passt offenbar einigen Kirchenvertretern nicht, insbesondere bei den Punkten Religionszugehörigkeit und Sexueller Identität nehme ich an. Offenbar haben gewisse Leute Angst, dass sie sich jetzt strafbar machen, wenn sie von der Kanzel gegen Schwule schimpfen.

Denn sie müssen ja weiterhin keine Schwuchteln, Neger, Schlampen oder Ketzer einstellen in ihren Kirchen und Vereinen, wenn sie nicht wollen, dafür gelten spezielle Ausnahmen, die im Selbstbestimmungsrecht der Kirchen begründet sind.

Zitat aus der Welt (eine der wenigen Quellen, die ich tatsächlich gefunden habe zu dem Thema):

Es könne zur Einschränkung der Meinungs- und Religionsfreiheit führen, fürchtet man. Katholiken könnten möglicherweise die Lehre ihrer Kirche nicht mehr in der Öffentlichkeit vertreten, ohne sich strafbar zu machen. Das gelte zum Beispiel für die "Überzeugung", dass Abtreibung "ein verabscheuungswürdiges Verbrechen" sei und homosexuelle Praxis eine "schlimme Verirrung".

Der Problematische Teil:

Sachlich bezieht sich das Gesetz neben gleichem Zugang zu Bildung, juristischer Stellung und Arbeitsplätzen auf ein Verbot von:

- Belästigung: Verletzung der Würde der Person, insbesondere durch Schaffung eines von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichneten Umfelds

- Die Anweisung zu einer dieser Verhaltensweisen



Meinungsfreiheit ist allerdings heilig. Meine Meinung: Die Kirche fordert für sich ein Sonderrecht auf Diskriminierung. Wenn sie meint, dass das die Quintessenz der Lehren Jesu Christi ist...
Naja, das nennt man dann eben Religionsfreiheit.

Werbung


Nachtrag

Auch wenn es alt und ausgelutscht ist, aber es zeigt wunderbar, wie fragwürdig die ganze kirchliche Homosexuellenkritik im gesamtreligiösen Zusammenhang ist, und wie sich christliche Lehre eigentlich immer ohne Schwierigkeiten der momentanen Umwelt und dem Zeitgeist anpassen konnte, offenbar ohne sich selbst zu verleugnen:

Zitat:

Der folgende Offene Brief stammt von einem amerikanischen Humanisten und ist gerichtet an die prominente US-oderatorin und überzeugte Christin Laura Schlessinger (ging 2003 durchs Internet). Diese hatte gemeint, Homosexualität sei unter keinen Umständen zu dulden, weil dies laut Bibel verboten sei.

"Liebe Laura,

vielen Dank, daß Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen.

Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, Leviticus 18:22, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte.

Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind.

1. Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn.
Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?

2. Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?

3. Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist: Wie kann ich das wissen? Ich habe versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.

4. Lev. 25:44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?

5. Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: Bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?

6. Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Greuel darstellt (Lev. 11:10), sei es ein geringeres Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?

7. In Lev. 21:20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt's hier ein wenig Spielraum?

8. Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch Lev. 19:27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?

9. Ich weiß aus Lev. 11:16-18, daß das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?

10. Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen Lev. 19:19, weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester).
Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen
(Lev. 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (Lev. 20:14)

Ich bin zuversichtlich, daß Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Sie uns daran erinnern, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich ist."

Soweit der Brief. Laura blieb eine Antwort schuldig.

Ein Recht auf Schund!

Computerspiele sind Kunst, somit gelten für dieses Genre auch die grundgesetzlich verbrieften Rechte der künstlerischen Freiheit, und Erwachsene haben das Recht, sich "Schund" oder Geschmacklosigkeiten anzusehen.
Anstatt sich mit immer neuen Vorschlägen zur Maßregelung und Reglementierung von "bösen" Computerspielen zu übertreffen oder das Genre insgesamt zu verteufeln, sollte die Politik sich lieber Gedanken über die Förderung guter Spiele machen.



Diese Worte stammen nicht etwas von einem potentiellen soziopathischen Amokläufer (sprich: Gamer) oder von einem Softwareentwickler oder einem Spiele-Magazin-Journalisten...

Nein, diese Worte stammen von einem gewissen Olaf Zimmermann, seineszeichens Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.

"Erwachsene müssen das Recht haben, sich im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen auch Geschmacklosigkeiten oder Schund anzusehen bzw. entsprechende Spiele zu spielen. Die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit gehören zu den im Grundgesetz verankerten Grundrechten. Die Kunstfreiheit ist nicht an die Qualität des Werkes gebunden. Kunstfreiheit gilt auch für Computerspiele."
Zum Artikel

Im parteiübergreifenden Geschrei nach Zensur tut eine solche Stimme der Vernunft wirklich gut. Vor allem der Ruf nach Förderung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen (Natürlich auch von Erwachsenen) als Alternative zu rigorosem Verbots-Wahn ist endlich mal ein Schritt in die Richtige Richtung.

Fehlende Medienkompetenz zieht sich quer durch die Gesellschaft und durch alle Medien. Von Menschen, die unkritisch den Inhalt der Bildzeitung als Tatsachen ansehen, über Kinder, die sich von künstlich erschaffenenen "Superstars" das Geld aus den Taschen ziehen lassen, zu Deppen, die Raplyrics als Gesellschaftsmodell sehen.

Vielleicht hört es dann auch endlich auf, dass der Jugendschutz als Hure missbraucht wird, die für jeden reaktionären und verklemmten Zensurwahn die Beine als Vorwand breit machen muss.

Verbotsmanie und neue Askese


Rauchen, trinken, fliegen – im Namen von Gesundheit und Umwelt sollen überall unsere Freiheiten eingeschränkt werden.
Ein Rausch des Verbietens hat die Republik erfasst. Wer derzeit das Treiben der gesetzgebenden Körperschaften in diesem Lande verfolgt, muss zu dem Schluss kommen, dass sich deutsche Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaft zu einem einzigen gemeinsamen Ziel verschworen haben: Das Leben soll ungemütlicher werden. Alkohol und Tabak, Hunde und schnelle Autos, Flugreisen und Computerspiele, Fernsehen und Fast Food – alles, was Spaß, ein wenig Wärme und Abwechslung und Komfort verspricht, das Selbstbewusstsein stärkt oder Fluchten aus dem Alltag organisiert, die preiswerten Vergnügungen des kleinen Mannes zumal, soll eingeschränkt, reglementiert, verteuert, wenn nicht gar verunmöglicht werden...

Der ganze Artikel bei die Zeit online:
Der Terror der Tugend



Dieser Artikel spricht mir so aus der Seele. Was ich auch bezeichnend finde ist der immer lauter werdende Ruf nach Selbstkasteiung und Askese. Im Angesicht der Apokalypse (Klimaerwärmung, Globalisierung usw.) tuet Buße! Das erinnert mich so ein Bisschen an die Geißlerorden zu Zeiten der Pest.

Eine Katastrophe, gegen die man als einzelner machtlos ist, auf die man keinen Einfluss hat, und die deshalb als ein Verhängnis höherer Gewalt wahrgenommen wird lässt die Moralapostel aller Coleur aufmarschieren, die verkünden, der einzige Weg, die Katastrophe zu verhindern, ist persönlich ein besserer Mensch zu werden.

Was mich daran so stört, ist vor Allem die Dreistigkeit mit der diese neue Enthaltsamkeit einerseits als einziger Entwurf zum allseits praktizierten Hedonismus hochstilisiert wird, zum anderen den völlig irrationalen Heilsanspruch, der daraus gezogen wird.

Denn, das muss klar sein: Im Ruf nach Verzicht steckt nunmal nicht die Lösung für globale Probleme. Diese Annahme ist genauso irrational und abergläubisch wie die Position, dass einen das alles nichts angehe.

Damit verhindert man zwar die globale Katastrophe nicht, kann aber wenigstens die Schuld auf andere schieben. Dabei ist jeder möglichst darauf bedacht, sich radikal da zurück zu halten, wo er sich aufgrund persönlicher Vorlieben und Abneigungen nicht besonders einschränken muss, fordert aber von anderen größtmöglichen Verzicht.

So gesehen fordere ich, der ich in Berlin Neumitte wohne, drei Gehminuten von der nächsten U-Bahn entfernt, und sämtliche Behörden und benötigte Einkaufsmöglichkeiten in weniger als fünf Minuten entfernt in Fußgängerreichweite habe, also kein Auto brauche und habe, in Zukunft den Verzicht auf motorisierten Individualverkehr, und als jemand, der es hasst zu fliegen, und darum längere Strecken regelmäßig per Bahn absolviert, natürlich eine Besteuerung auf Flugtickets von 200%.
Und das Beste: Ich bin dabei kein intolerantes eigennütziges Arschloch, sondern ein vorbildlich ökologisch denkender Bürger.

Was mich ärgert ist einerseits dieser fast radikal mönchisch anmutende Gedanke, dass Komfort zwangsweise etwas Böses ist, das in den Untergang führt, und andererseits die damit oft einhergehende Einstellung, man müsse Menschen manchmal zu ihrem Glück zwingen.

Gerade Letzteres ist für mich eines der größten Gesinnungsverbrechen überhaupt. In meiner Welt sind Zwang und Glück absolute Anti-Thesen.

Zum Glück gehört immer und unbedingt jegliche Abwesenheit von Zwang, das Recht und die Möglichkeit auf individuelle Entwicklung, freie Entscheidungsmöglichkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Kein Mensch und keine Institution hat die Legitimation, einen anderen erwachsenen und mündigen Menschen zu seinem Glück oder seiner Gesundheit zu zwingen.