BzR

Verbotsmanie und neue Askese


Rauchen, trinken, fliegen – im Namen von Gesundheit und Umwelt sollen überall unsere Freiheiten eingeschränkt werden.
Ein Rausch des Verbietens hat die Republik erfasst. Wer derzeit das Treiben der gesetzgebenden Körperschaften in diesem Lande verfolgt, muss zu dem Schluss kommen, dass sich deutsche Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaft zu einem einzigen gemeinsamen Ziel verschworen haben: Das Leben soll ungemütlicher werden. Alkohol und Tabak, Hunde und schnelle Autos, Flugreisen und Computerspiele, Fernsehen und Fast Food – alles, was Spaß, ein wenig Wärme und Abwechslung und Komfort verspricht, das Selbstbewusstsein stärkt oder Fluchten aus dem Alltag organisiert, die preiswerten Vergnügungen des kleinen Mannes zumal, soll eingeschränkt, reglementiert, verteuert, wenn nicht gar verunmöglicht werden...

Der ganze Artikel bei die Zeit online:
Der Terror der Tugend



Dieser Artikel spricht mir so aus der Seele. Was ich auch bezeichnend finde ist der immer lauter werdende Ruf nach Selbstkasteiung und Askese. Im Angesicht der Apokalypse (Klimaerwärmung, Globalisierung usw.) tuet Buße! Das erinnert mich so ein Bisschen an die Geißlerorden zu Zeiten der Pest.

Eine Katastrophe, gegen die man als einzelner machtlos ist, auf die man keinen Einfluss hat, und die deshalb als ein Verhängnis höherer Gewalt wahrgenommen wird lässt die Moralapostel aller Coleur aufmarschieren, die verkünden, der einzige Weg, die Katastrophe zu verhindern, ist persönlich ein besserer Mensch zu werden.

Was mich daran so stört, ist vor Allem die Dreistigkeit mit der diese neue Enthaltsamkeit einerseits als einziger Entwurf zum allseits praktizierten Hedonismus hochstilisiert wird, zum anderen den völlig irrationalen Heilsanspruch, der daraus gezogen wird.

Denn, das muss klar sein: Im Ruf nach Verzicht steckt nunmal nicht die Lösung für globale Probleme. Diese Annahme ist genauso irrational und abergläubisch wie die Position, dass einen das alles nichts angehe.

Damit verhindert man zwar die globale Katastrophe nicht, kann aber wenigstens die Schuld auf andere schieben. Dabei ist jeder möglichst darauf bedacht, sich radikal da zurück zu halten, wo er sich aufgrund persönlicher Vorlieben und Abneigungen nicht besonders einschränken muss, fordert aber von anderen größtmöglichen Verzicht.

So gesehen fordere ich, der ich in Berlin Neumitte wohne, drei Gehminuten von der nächsten U-Bahn entfernt, und sämtliche Behörden und benötigte Einkaufsmöglichkeiten in weniger als fünf Minuten entfernt in Fußgängerreichweite habe, also kein Auto brauche und habe, in Zukunft den Verzicht auf motorisierten Individualverkehr, und als jemand, der es hasst zu fliegen, und darum längere Strecken regelmäßig per Bahn absolviert, natürlich eine Besteuerung auf Flugtickets von 200%.
Und das Beste: Ich bin dabei kein intolerantes eigennütziges Arschloch, sondern ein vorbildlich ökologisch denkender Bürger.

Was mich ärgert ist einerseits dieser fast radikal mönchisch anmutende Gedanke, dass Komfort zwangsweise etwas Böses ist, das in den Untergang führt, und andererseits die damit oft einhergehende Einstellung, man müsse Menschen manchmal zu ihrem Glück zwingen.

Gerade Letzteres ist für mich eines der größten Gesinnungsverbrechen überhaupt. In meiner Welt sind Zwang und Glück absolute Anti-Thesen.

Zum Glück gehört immer und unbedingt jegliche Abwesenheit von Zwang, das Recht und die Möglichkeit auf individuelle Entwicklung, freie Entscheidungsmöglichkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Kein Mensch und keine Institution hat die Legitimation, einen anderen erwachsenen und mündigen Menschen zu seinem Glück oder seiner Gesundheit zu zwingen.

18.7.07 16:10

Werbung


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Gast (23.8.07 12:40)
Bwahaha, ein echter BzR!